Kurzgeschichten

Ich rieche

 

Ich kann riechen! Das klingt zunächst einmal nach nichts besonderem. Ist es aber. Kennen sie das Buch oder den Film „Das Parfüm“? Darin geht es um einen jungen Mann mit einer so empfindsamen Nase, dass er alles riechen kann. Er riecht alles gleich intensiv, egal ob es nun Menschen sind oder Materialien wie Glas. Denkt man genauer darüber nach handelt die Geschichte aber nicht über den Typen der alles riechen kann, sondern um seine Mitmenschen die es nicht können.

Und da wären wir eben wieder beim Thema. Ich kann nicht riechen. Was heißt, ich kann es, aber eben nicht sonderlich gut. Das muss in der Familie liegen. Schon mein Großvater war mit einer äußerst grobmotorischen Nase ausgerüstet. So konnte er im Sommer, wenn auf den Feldern mit der Jauche gedüngt wurde, grinsend im Auto sitzen und die Landschaft genießen, während alle anderen angewidert das Gesicht verzogen oder gar schon aus dem Fenster kotzten und somit die Lage im überhitzten  Automobil nicht besser machten. Als die Katze meiner Großeltern unterm Kachelofen ihr Leben aushauchte, hätte mein Großvater wohl nichts vom Verwesungsgeruch bemerkt, wenn nicht die Ameisen, in voller Kompaniestärke, angefangen hätten das tote Tier unterm Kachelofen hervor in Richtung Garten zu tragen. Man stellt sich dabei unweigerlich auch vor, wie früher Höhlenmenschen versuchten ein halbverwestes Mamut in die Höhle zu tragen.

Nun, wie bereits erwähnt, bin auch ich mit einem recht schwachen Geruchssinn gesegnet. Und ich sage bewusst gesegnet, denn im Großen und Ganzen ist es ein Sinn auf den ich wenig Wert legte und damit Leben konnte. Freilich gibt es die Situationen in denen er praktisch, vielleicht sogar unerlässlich ist. Mir fallen da auf Anhieb drei Beispiele ein. Erst vorherige Woche vergaß ich eine Wurst in der noch erhitzten Pfanne, da mir der Geruch von verkohltem Fleisch nicht auffiel telefonierte ich weiter. Das war letztendlich jedoch halb so schlimm, denn mein Sehsinn verhinderte das schlimmste. So sah ich die dunklen Rauchschwaden und konnte den Großteil der Küche noch retten, wenn auch nicht die Wurst. Ein anderes Beispiel betrifft eine Tüte Milch. Hätte ich bei besagter Tüte Milch etwas gerochen hätte ich die inzwischen grün-schimmernde leicht schleimige Masse nicht erst ins Waschbecken spucken müssen, sondern hätte sie direkt hinein geleert. Aber auch hier wurde ich vor dem schlimmsten bewahrt durch einen anderen Sinn, dem Geschmackssinn.

Und es versteht sich von selbst dass es für einen Mann kaum etwas schöneres gibt, als eine gut duftende Frau. Aber in Abwandlung eines Sprichwortes kann ich dazu nur sagen:

Wer nicht riechen kann, muss fühlen.

Nun, ich weiß nicht woran es liegt. Vielleicht an der angestiegenen atomaren Strahlung. Jedenfalls kann ich neuerdings riechen. Ganz normal, so wie alle anderen Menschen auch. Oder zumindest die meisten. Vielleicht werde ich ja auch blind und mein Körper schärft schon mal die anderen Sinne. Dies würde auch erklären warum ich in letzter Zeit Dinge höre, die ich vorher nie gehört habe.

Aber bleiben wir beim riechen. Nach einem Tag stellte ich fest, dass es kein Vorteil sein muss ein ordentliches Riechorgan zu haben. In der Tat war es eher lästig. Das fing bereits in der Gemeinschaftswaschküche an, als neben mir eine Frau die Waschmaschine befüllte, die aussah als wäre sie aus dem Irrencamp von RTL ausgebrochen. Fettige Haare, bräunliche Zähne, verkrümeltes Oberteil und eine Hose mit einer erstaunlichen vielzahl an Fremdmolekülen. Wer jetzt ein entsprechendes Bild vor Augen hat, kann sich auch den Geruch dazu vorstellen.

Auf die Frage, ob sie denn selbst nicht auch gleich in die Waschmaschine steigen wolle, bekam ich im Übrigen keine Antwort. Gleichzeitig wurde mir an diesem Tag auch wieder bewusst, was Gerüche auch alles für Assoziationen auslösen können. So wurde ich beim betreten der Küche eines Freundes, automatisch an einen Geruch meiner Kindheit erinnert. Wohl einer der wenigen die ich in meinem geruchslosen Leben davor wahrnehmen konnte. Es handelte sich dabei um den Geruch, wie ich ihn vom Haus meiner Urgroßmutter kannte. Eine nicht gerade angenehme Assoziation, denn im Haus meiner Urgroßmutter roch es vor allen Dingen nach den Hirschschädeln an der Wand, sowie nach Krankheit und Tod, was wohl am Teppich lag, auf dem wohl schon mehr Menschen dahingeschieden waren als im nächsten Kreiskrankenhaus.

Ich weiß eigentlich überhaupt nicht wie normale Menschen diese ständige Geruchsbelästigung ihrer Umwelt überhaupt noch aushalten können. Geht man zum Einkaufen gibt es nichts was einen nicht anstinkt, sei es nun der offene Harzer Käse im Kühlregal oder die verfaulten Mandarinen unter dem Schild „Täglich frisches Obst“. Das einzige was man tatsächlich nicht riechen kann, ist die unfreundliche Verkäuferin die beim Kassieren einen so schnell wie möglich los haben möchte und einem deswegen die Flasche Ketchup auf die wenigen tatsächlich noch frischen Mandarinen wirft, die man soeben gekauft hat.

Am Abend schließlich vollkommen fertig, Geruchsüberlastet freut man sich auf das einzig schöne das man noch hat. Seine Freundin. Ich freue mich darauf das wunderschöne Wesen, das da mit mir eine Partnerschaft eingegangen ist einmal nicht nur zu sehen (und zu fühlen) sondern eben auch zu riechen. Doch selbst das endet im Schock, weil mir mit einem Mal klar wird was mir zwar schon immer klar war aber mich bisher kaum gestört hatte: Meine Freundin ist, im Gegensatz zu mir, Raucherin. Und anstatt sanfter Weiblichkeit, rieche ich nur den harten Teer.

Der ganze Spuk ist nun Gott sei Dank wieder vorbei. Meinen ersten Plan, mir einen Lötkolben in die Nase zu stecken und somit meine Geruchsknospen zu versiegeln musste ich glücklicherweise nicht in die Tat umsetzen. Es reichte ein Besuch bei Müller. Dort wollte ich meiner Freundin ein passendes Rauchergeeignetes Parfüm kaufen. Beim Betreten der Parfümerie-Abteilung drehte sich mir bereits der Kopf, als dann jedoch noch eine Beraterin auf mich zukam, die sämtliche Produkte wohl aufgesogen haben musste, fiel ich in Ohnmacht. Als ich Aufwachte war alles wieder gut. Der absolute Geruchsschock scheint mich wieder resistent gegen Düfte jeder Art gemacht zu haben.

So war ich wieder froh des Geruchlosen Lebens. Ein Parfüm habe ich meiner Freundin trotzdem gekauft. Dabei kann ich nur hoffen das es gut riecht.

Wie ich mit Bruce Willis gegen die Mächte der Finsternis kämpfte

 

Der Kampf war Knochenhart gewesen. Bruce Willis hatte bereits fast ein Bein verloren. Es hing noch an einem Hautfetzen und der Hauptschlagader. Trotzdem stand er noch wie eine eins. Auch ich war stark in Mitleidenschaft gezogen, hatte ich mir doch am Tag zuvor meinen Finger an der Kante einer Postkarte geschnitten. Zu allem Überfluss war es auch noch eine Diddl-Maus-Postkarte gewesen. Aber das ist eine andere Geschichte. Vor uns stand der schreckliche Werwolf. Sein Blutverschmiertes Maul wartete nur darauf einen von uns in Stücke zu reißen. Den Bürgermeister hatte das Monstrum bereits gefressen. Da seine Amtsperiode jedoch ohnehin nur noch kurz gewesen wäre, war dies ein akzeptabler Verlust. Ich zog den geweihten Eichenpfahl unter meiner Jacke hervor und rannte auf den Werwolf zu. Er versuchte nach mir zu schnappen. Dies hatte ich jedoch vorausgeahnt und hatte mich mit einem Sprung in Sicherheit gebracht. Gleichzeitig war ich nun direkt unter dem Werwolf gelandet und ich stieß ihm den Eichenpfahl mitten ins Herz.

Dem Aufmerksamen Leser, diverser Fachliteratur, über die Mächte der Finsternis, wird es nicht verborgen geblieben sein das ich hier etwas verwechselt hatte. Denn ein Werwolf interessiert sich nicht sonderlich für geweihte Eichenpfähle, da diese nur für Vampire gefährlich sind.

Dies fiel mir wieder ein als mich ein mächtiger Prankenhieb des Werwolfes traf. Doch wir hatten Glück: Der Werwolf war Masochist. Bruce war ihm schon öfters in „Ulrikes kleinem Sado-Maso-Shop“ begegnet. Er konnte sich deswegen so gut daran erinnern weil der Werwolf meistens mit 500Euro-Scheinen bezahlte obwohl er nur einen kleinen Einkauf hatte. Die Mächte der Finsternis zahlen gut, was wohl auch der Grund dafür ist warum so viele Menschen immer wieder den Pfad zur dunklen Seite einschlagen. Der Werwolf war also von dem Eichenpfahl ziemlich aufgegeilt und mein Freund Bruce wusste was zu tun war. Die Sekunde der Erregung nutze er aus um mit der silbernen Axt dem Werwolf den Kopf abzutrennen. Dies tat er mit einem lauten "Yippie-Yah-Yeah, Schweinebacke". Dass er das sagen würde war klar. Aber ich fand es trotzdem cool. Damit war das Unheilige Leben des Tieres beendet.

Wir konnten nur vermuten woher plötzlich die silberne Axt kam. Die wahrscheinlichste Möglichkeit war die, dass der Hausmeister ein Fable für Werkzeuge aus Edelmetall hat. Denn immerhin standen wir gerade auf einem Hochhaus und jeder weiß das die Hausmeister von Hochhäusern unheimlich seltsame Hobbys Pflegen wie das Sammeln von toten Insekten, Alienkadavern oder eben vergoldetes und versilbertes Werkzeug.

Den Werwolf hatten wir also bezwungen. Mit dem Aufzug fuhren Bruce und ich nach unten und wollten gerade in unseren 67er Mustang einsteigen, als wir feststellten dass uns irgendwer die Reifen zerstochen hatte.  Dies war eindeutig das Werk der Gartenzwerggang gewesen. Aber um die würden wir uns Morgen kümmern. Die Mächte der Finsternis schlafen selten. Aber wir würden auf der Hut sein. Etwas mürrisch riefen wir schließlich ein Taxi, der ADAC würde es wohl bezahlen, denn immerhin wissen die gelben Engel welchen gefahren Bruce Willis und ich uns täglich aussetzen wenn wir gegen die dunklen Mächte kämpfen. Unterwegs arbeiteten wir einen Schlachtplan gegen die Gartenzwerge aus und unterhielten uns über Männerthemen, die ich an dieser Stelle nicht näher ausführen werde, da auch die ein oder andere Frau diese Geschichte lesen könnte.

Das war also die Geschichte davon wie ich mit Bruce Willis gegen die Mächte der Finsternis kämpfte.

Sein letzter Tag

 

 

Ich hatte die Hoffnung begraben. Wie ein verwilderter Straßenköter lag er auf meinem Bett. Er, der mir immer der nächste war. Seine fettigen Haare überdeckten seine Augen. Die Alkoholfahne konnten sie aber nicht überdecken. Wie es so weit gekommen war? Die Tendenz zu einer etwas kaputten Existenz hatte er schon immer. Ich kann mich noch gut daran erinnern, damals in der Schule. Die Mathematik-Klausur stand an, wir bekamen die Aufgabenzettel verteilt und was macht er? Er gibt nach gerade einmal 10 Minuten seinen leeren Zettel ab. Nicht eine einzige beantwortete Frage. Ich glaube sogar er hatte nicht einmal alle Fragen gelesen. Gab einfach dieses blanke Stück Papier ab und verkündete dass heute einfach nicht sein Tag sei. Diese Mentalität der Selbstaufgabe war typisch für ihn.

Oftmals konnte ich ihn vor schlimmen bewahren. Ich bittete ihn es sich gut zu überlegen als er seine Ausbildung im letzten Jahr abbrechen wollte. Er hörte auf mich.

Ich redete auf ihn ein, vernünftig zu werden, wenn er eine Prügelei auf einer Party anfangen wollte. Er wurde vernünftig, zumindest meistens.

Und ich drohte ihm, mit allem mit dem ich ihm drohen konnte, sich besser um Sie zu kümmern.

Er gab nach, bis jetzt.

Sie, das ist Verena. Sechsundzwanzig Jahre Jung, bildhübsch und gerade mit ihrem BWL-Studium fertig. Eigentlich hatte er sie gar nicht verdient. Ihre Fröhliche Natur passte einfach nicht zu seiner Launenhaftigkeit. Nein, ich übertreibe nicht einmal wenn ich sage das ich der eigentliche Grund dafür war das sie so lange zusammen waren. Ich stutze ihn oftmals zu recht wenn Verena einmal mehr heulend in ihre Kissen sank und fand für ihn immer wieder eine passende Entschuldigung oder eine wieder gutmachung die seine Unumgänglichkeit entschuldigte.

Doch dieses Mal nicht. Mir war es wohl zu viel geworden, genau wie Verena. Sie zog ihren Schlussstrich. Packte ihre Sachen, hinterließ einen Abschiedsbrief (der jedem mit etwas Mitgefühl die Tränen hätte in die Augen kommen lassen) und verschwand unwiederbringlich.

Er hatte nicht geweint, auch wenn seine Augen oftmals danach aussahen als würden sie jeden Augenblick mit ihrer Kaltherzigen Seele brechen. Aber letzten Endes bemitleidete er sich nur selbst.

Wie immer wenn er etwas verlor und nicht anerkennen wollte dass dies seine eigene Schuld war. Zimperlich war ich nicht, ich sagte ihm die Wahrheit, hart ins Gesicht. Manchmal dauerte es etwas bis er sie akzeptierte und schwor sich zu ändern. Aber wie sich heute herausstellt hat er sich nie wirklich geändert. Ganz im Gegenteil: Es wurde schlimmer. Er schaffte es mich zu belügen ohne dass ich es merkte. Deshalb war er wohl auch Arbeitslos geworden, weil ehe ich begriff wie es um ihn Stand, es bereits zu spät war noch irgendwie Fuss zu fassen. Sich einen Nutzen in der Gesellschaft zu sichern oder einfach nur ein festes Gehalt um die Miete zu bezahlen. Lügen konnte er wohl schon immer so viel besser als Arbeiten oder wenigstens logisch zu denken.

Und nun liegt er hier: Ohne Frau, ohne Job und ohne auch nur ein sauberes Kleidungsstück. Liegt einfach in seinem Dreck. Nur ab und zu steht er auf um sich eine neue Flasche Fusel zu holen die innerhalb kurzer Zeit irgendwo in seinem verlausten Drei-Tage-Bart verschwindet. In diesem Loch das inzwischen nur noch dazu gemacht zu sein scheint mir und seinen Mitmenschen das Herz zu brechen und sich Alk und Junkfood einzuführen.

Eben jetzt steht er auf und obwohl ich, wie anfangs erwähnt eigentlich jede Hoffnung für ihn begraben habe, regt sich noch ein Gedanke in mir, ihm ein letztes Mal zu helfen oder mindestens noch eine Moralpredigt zu halten. Da, die Katze, die selbst schon so stinkt wie den ekelhaften Dosenmist den sie seit Tagen lieblos vorgesetzt bekommt versucht es auch; Sie streichelt um seine Beine, versucht ihn zu bezirzen, ihm EINE Liebenswürdige Geste zu entlocken. Doch sie hat keine Chance. Ein Tritt, so fest wie ihn ein wütender und zugleich verzweifelter Körper hervorbringen kann befördert das Tier mit einem kurzen Schrei in Richtung des Abfalleimers, wo sie im letzten Kampf liegen bleibt.

Ich muss einfach eingreifen, muss ihn zur Vernunft bringen. Er schaut mir tief in die Augen, so tief das jeder vor seinem eigenen Abgrund erschrecken müsste. Ich bäume mich auf, versuche mich mit Händen und Füßen zu verständigen. Doch der Entschluss ist gefallen! Ich hätte schlauer sein müssen als die Katze. Nun würde ich ihr Schicksal teilen. Er drückt mir mit aller übrig gebliebenen Kraft die Luft ab, schaut mir immer noch tief in die Augen während der letzte Funken wiederstand aus mir schwindet. Er hat es geschafft, ich würde ruhig bleiben. Für immer. Der abgewrackte Mann im Spiegel hatte gewonnen.

Termine:

 

9. / 10. März 2017

"Schutt und Asche" von A. Kind
im W1 - Zentrum für junge Kultur

 

12. März 2017

"Ulrich von Schaffgotsch" (WA)

W1 - Zentrum für junge Kultur

von Mähnenwind 

 

29. März 2017 
"Schutt & Asche" von Armin Kind
im W1 - Zentrum für junge Kultur

 

9. / 10. April 2017
"Schutt und Asche"
im W1 - Zentrum für junge Kultur 

 

16. April 2017

"Ulrich von Schaffgotsch" (WA)

W1 - Zentrum für junge Kultur

von Mähnenwind 


Mai 2017

"Dollinger - Um Leib und Ehr" (WA)
Schloss Wörth 
von Mähnenwind

 

 

 

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